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Legenden der Blogosphäre
„Ich will Meinung!“ – Mathias Richel im NewsMARK-Interview

März 8th, 2007 · Keine Kommentare

NADINE LANTZSCH | Er ist 26, freier Werbetexter und gibt nichts auf den A-Blogger-Hype. Trotzdem sind einige Spitzenblogs seine Lieblinge. Mathias Richel strukturierte mit einem kleinen Team den damaligen Zünderblog der ZEIT zu einem eigenständigen Netzmagazin um. Im September 2006 gründete er die Neue Bodenständigkeit, ein reines Texte-Portal.

>> Schreibst du noch unter für jetzt.de, germanblogs und zünder?

Für jetzt.de schreibe ich unter zwei Pseudonymen. Das sollte auch so bleiben. Im Moment sowieso eher wenig und wahrscheinlich werde ich es bald einstellen. Bei germanblogs schreibe ich einfach aus Zeitgründen nicht mehr. Als meine Ressourcen immer weniger wurden, habe ich germanblogs zu erst geknickt, weil da sicherlich für mich das wenigste Herzblut dran hing. Trotzdem finde ich die Idee dieser Plattform nach wie vor interessant, auch wenn ich sie vielleicht anders umsetzen würde. Für Zuender schreibe ich im Moment sehr wenig, auch wenn ich das viel lieber öfter täte. Dafür arbeite ich sehr viel im Hintergrund zusammen mit der Redaktion und versuche zu helfen, dass Portal stetig zu verbessern. Das betrachte ich so als mein erstes Kind. Ich freue mich, wie es langsam aufwächst und laufen lernt. Auch wenn es sich dabei manchmal den Kopf stößt, aber das gehört zum groß werden dazu. Und ich hoffe Zuender wird irgendwann einmal riesig.

>> Was ist deiner Meinung nach der Sinn des Bloggens?

Den habe ich selbst noch nicht gefunden. Ich betrachte das, was die Autoren und ich auf der Neuen Bodenständigkeit machen, auch nicht als bloggen. Wir publizieren nur schnell und unkompliziert im Internet, weil es uns die Technik ermöglicht. Ich glaube aber, dass jeder der sich im Netz auf diese oder andere Art bewegt, die kleine innere Rampensau gestreichelt sehen will. Und das hat auch seine Berechtigung.

>> Macht es für dein Blog(Schreib)-verhalten einen Unterschied, wenn du viele Leser oder wenig Leser hast?

Immerhin muss man ja als Blogger heutzutage fast einen Grund haben sich in der Öffentlichkeit zu bewegen… Ich freue mich über zwanzig Leser, die alle kommentieren, anstatt 100, die nur lesen. Ich denke, die Kommentare sind die eigentliche “Währung” der Blogger, zumal in solch einer Nische, wie die unsere. Dennoch bin ich sehr froh über die Entwicklung unserer Besucherzahlen, die je nach Counter und eigenen Serverstats immer unterschiedlich ausfallen. Und natürlich würden wir uns auch über mehr Leser freuen. Nicht zu letzt, wegen dem erhofften Mehr an Kommentaren.

>> Oft wurdest du von deinen Blog-Kollegen in die Mangel genommen. Ein Beispiel ist die Sache mit dem Sprayer-Video auf YouTube, wo dir mehr oder weniger die Verklärung der Grafittiszene vorgeworfen wurde. Siehst du in der in der oft vorkommenden “aus dem Kontext reißen”-Mentalität der Blogger eine Entwicklung / Trend / Problem?

Zerstört sich die Blogszene nicht dadurch ihr eigenes Potential als Sprachrohr der Web2.0-Generation? Ich glaube, dass dieser Fall vor allem auf eine Fehlinterpretation einer meiner Texte beruhte. Ich bin auch eher ein Typ, der lieber nachfragt, als gleich einen eigenen Text darüber zu verfassen. Am Ende haben sich die Wogen ja wieder etwas geglättet und ich hatte ja auch genug Raum und Gelegenheit, meinen Standpunkt dort zu vertreten. Bloggen ist subjektiv und wenn man das für sich in Anspruch nimmt, muss man das natürlich auch anderen zugestehen. Dennoch habe ich mich über diese Sache natürlich geärgert, weil das was daraufhin weiter geschrieben wurde, nichts mehr mit dem eigentlichen Artikel zu tun hatte, sondern nur noch gegen meine Person schoss. Aber grundsätzlich gilt auch: Ich sehe mich nicht als Sprachrohr der 2.0- Generation. Und ich weiß nicht, welcher Blogger das tut. Und ich glaube, dass das was die Marketing-Direktoren, Media- Planer und VC-Menschen unter Web2.0 verstehen, nichts mit Blogs als solches zu tun hat. Wir laufen doch alle ziemlich unter dem Radar, mit dem was wir hier tun.

>> Also sehen sich Blogger nicht als 2.0er…

Mir ist relativ egal, welche Schublade sich das Marketing ausdenken wird, um Blogger, oder alle “inhaltlichen” Aspekte von Web2.0 zu katalogisieren. Web2.0 ist für mich die Rückkehr zur Ursprungsidee des Netzes: Die Information gehört allen, und darf mit jedem getauscht werden. Vor zwei, drei Jahren war das Internet in großen Teilen nur noch eine Unternehmensdarstellung. Das wird zurzeit ein Stück weit aufgedröselt. Dennoch versuchen viele, diesen Demokratisierungseffekt in einen geldwerten Vorteil zu verwandeln. Das kann funktionieren und man sollte es auch versuchen, nur muss man sich im klaren sein, dass die Karavane immer weiter zieht und nicht auf das Gewinnstreben Einzelner Rücksicht nimmt. Denn die Entwicklung ist im Moment im besten Sinne “open source” und das liebe ich.

>> Können Blogs einen Ersatz zu den klassischen Medien darstellen?

Es gibt keine Schwarz/Weiß- Lösung. Einem Kunden meiner Agentur würde ich auch nur äußerst selten raten, nur auf einen Kanal zu werben. Ausgewogenheit im Online, wie im Print Bereich ist hier sicher der bessere Weg. Natürlich kann man die je nach Schwerpunkt anders gewichten, aber ich denke, singuliert funktioniert beides nicht (mehr). Ich lese donnerstags auch lieber die ZEIT, als einen Pöbelblog. Das hat Gründe.

>> Wie sieht für dich thematisch das perfekte Blog aus?

Ein Blog muss mich überraschen können. Ich möchte diskutieren, lamentieren, mich freuen oder grenzenlos über das aufregen können, was ich da lese. Dieses private Tagebuch-Ding, was in den klassischen Medien so gern als Blog-Definition genutzt wird, geht dabei aber komplett an mir vorbei. Mich interessiert nicht, wie viele Möhren “Murkel” heute früh geknabbert hat. Ich benutze Blogs eigentlich mehr als Ersatz für die ganzen “Neons”, “Zittys” etc. dieser Welt.

>> Was ja wiederum bedeutet, dass dir die Art dieser Zeitschriften nicht zusagen!?

Ich selbst war Volontär eines Lifestyle-Magazins, das all das inhaltlich darstellte, was ich heute als journalistisches Format ablehne. Die Redundanz in der Welt der Magazine ist schon bemerkenswert. Generischer Inhalt und PR-Schreibe über die immer gleichen Taschen und Looks, dieselben Fotostrecken und 1/1-Anzeigen. Laaaangweilig! Ich will MEINUNG! Und die finde ich tatsächlich nur noch in den Blogs. Schöne neue Welt. Wobei ich die Zitty ein wenig aus dieser Kritik rausnehmen würde. Frau Bunz hat dort auch einiges inhaltlich bewegen können. Ich finde es schade, dass sie schon wieder das Boot verlässt.

>>Warum hast du “Neue Bodenständigkeit” gegründet?

Das war eine ganz spontane Entscheidung. Irgendwann habe ich einmal sehr lange mit Malte Welding telefoniert und wir haben uns einfach über die Blogosphäre ausgetauscht. Dann ging es ziemlich schnell. Zwei Nächte später stand die NB in dieser Form schon, plus meinem ersten Text, der bis heute übrigens noch nicht einmal kommentiert wurde. Und mit diesem Text und der Idee bin ich dann bei den Leuten hausieren gegangen. Blogger, Kollegen, Freunde oder einfach Autoren, die ich kannte, die aber überhaupt nichts mit Blogs anfangen konnten. Ich weiß auch, dass wir nicht das Rad neu erfunden haben, freue mich aber sehr über die Nische, in der wir uns bewegen.

>> Wo siehst du NB in ein, zwei Jahren, wo doch das Internet so schnelllebig ist und Blogs schnell zur Datenwüste verkümmern?

Ich denke, die NB wird es so und in weiterentwickelter Form immer noch geben wird. Wir suchen nach nachhaltigen Utopien für die Neue Bodenständigkeit und haben schon ein paar schöne Realitäten gefunden. Eins muss klar sein: Wenn Content, egal welcher Art, also Bild, Ton oder Text verlegt werden kann, dann sollte man das tun. Und wir versuchen diese Möglichkeiten finden. Ich bin da mehr als zuversichtlich.

>> Neue Bodenständigkeit hat sich in den letzten Monaten sprunghaft entwickelt. Demnächst veranstaltet ihr in Berlin eure erste Bloglesung. Was kann man sich (für Blogunerfahrene) unter einer Bloglesung vorstellen?

Eine Lesung, wie jede andere. Nur das dort Menschen lesen, die ihre Texte in den seltensten Fällen irgendeinmal gebunden sehen, sondern sie einfach so und für jeden zugänglich in die Welt blasen. Natürlich wird es einiges Rundherum geben, aber hey, dass wird natürlich noch nicht verraten. Nur soviel: Hinkommen, gut finden, weiter sagen, wieder kommen. Mit Sicherheit.

>> Ihr habt auf Neue Bodenständigkeit eine Plattform für eure Leser geschaffen, wo sie selbst Texte schreiben, veröffentlichen und sich der Kritik eines größeren Publikums stellen können. Wie ist die Akzeptanz und Resonanz dieses Projektes? Was könnte sich daraus entwickeln?

Wir sind ja mit “Deine Bodenständigkeit” erst ganz kurz online und binnen kürzester Zeit haben sich schon etliche Menschen angemeldet, und einige schon geschrieben. Ich bin gespannt wo das hinführt, wo sich die Qualität einpegeln wird und ob die Leser dieses Werkzeug nutzen. Es soll nur keiner sagen, wir hätten ihm keine Möglichkeit gegeben. Jetzt muss jeder selbst ran. >> Sind demnächst neue Projekte auf der Neuen Bodenständigkeit geplant? Immer und am laufenden Band.

>> Seien wir mal ehrlich. Die Karriere eines Bloggers macht einen nicht zum Millionär. Was machst du beruflich, wenn du dich nicht im WWW aufhältst?

Ich bin angestellter Werbetexter. Das was ich da mache, bringt mir auch meistens Spaß. Nebenbei spinne ich gern noch ein wenig ins Blaue hinein, was manchmal auch ganz einträglich ist – auf die eine, oder andere Art und Weise. Und natürlich schreibe ich Texte und Artikel. Ich bin zufrieden.

>> Welche Blogs würdest du Blogeinsteigern empfehlen zu lesen?

Ganz klar Spreeblick. Für mich das beste Beispiel für ein wirklich gelungenes Blog. McWinkel, IX und Niggemeier sind ebenso Pflichtblogs für mich. Blogeinsteiger sollten besser einfach anfangen selbst zu bloggen. Mit der Zeit merken sie dann schon, was ihnen gefällt, oder was nicht.

Links zum Thema:

http://zuender.zeit.de

http://jetzt.de

http://www.neue-bodenstaendigkeit.de

http://germanblogs.de

http://wirres.net (IX)

http://whudat.de (McWinkel)

http://www.stefan-niggemeier.de/blog

http://spreeblick.com

Tags: Menschen · NewsMARK # 004 - März/April 2007