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Büyük Sauerteig – Türkischer Kulturherbst zwischen Musik und Literatur

Oktober 16th, 2008 · 1 Kommentar

Am Sonntag ist mit einem Pokerturnier die diesjährige Musikmesse Popkomm zu Ende gegangen, in Frankfurt/M fängt dafür schon die Buchmesse an. Was Kultur angeht, so ist es dieser Tage nicht möglich um die Türkei herum zu kommen. Turkey is music hieß es in Berlin, Turkey is book heißt es in Frankfurt.

Auch wenn in Deutschland vermutlich 3 Millionen türkische Mitbürger leben, um Moscheen gestritten wird, als ob der Bau eines Gotteshauses ein frontaler Angriff auf die Demokratie ist und die Wirtschaft des Landes lange schon untergegangen wäre, gebe es eben nicht die Nachfolgegenerationen der gerufenen Gastarbeiter, die in der Bundesrepublik den Weg in die Selbstständigkeit gefunden haben, die Kultur bleibt uns fremd.

Vermutlich ist dies ein auf Gegenseitigkeit beruhendes Problem, entstanden aus dem gegenseitigen Irrglauben, der Gastarbeiter-Status bedeutet einen kurzfristigen Aufenthalt und nicht einen über Generationen anhaltenden Aufenthalt. Die türkischstämmige Bevölkerung ist längst fester Bestandteil der Bundesrepublik Deutschland, zumal viele von ihnen inzwischen Deutsche sind, mit allen Rechten und Pflichten. Kürzlich per Gerichtsurteil wurde auch klargestellt die türkischen Staatsbürger dürfen nicht ausgewiesen werden, nur weil sie keinen Schulabschluss haben oder Arbeitslos sind, hier sind sie in den Rechten den Europäern gleichgestellt.

Bei den bestehenden Irrtümern und Vorurteilen sind Popkomm und Buchmesse umso wichtiger. Es wurde Zeit, die türkische Kultur endlich in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu rücken. Auch wenn Ali RÄza BinboÄa, Vorsitzender der türkischen MESAM, (Musical Work Owners‘ of Collecting Society), im Rahmen der Eröffnungs-Pressekonferenz eine feurige Rede auf sein Land hielt, die türkische Musik mit einem riesigen (büyük) Sauerteig verglich, dessen Einfluss auf die weltweite Musik ausstrahlt, die Wahrheit sieht anders aus. Die bekanntesten türkischen Musiker in Deutschland sind Sezen Aksu (bekannt bei der türkischstämmigen Bevölkerung) und der in Frankfurt/M aufgewachsene Tarkan, der immerhin im vergangen Jahr ein lang angekündigtes englisches Album veröffentlichte.
Kein Wunder also, wenn das amerikanische Leitblatt der Musikindustrie „Billboard“ die Türkei als den schlafenden Riesen im Südosten von Europa bezeichnet. Immerhin sieht das Magazin viel Potential, die Türkei mit westlicher (also amerikanischer) Musik zu erobern. Ist das Land künftiger Konzert-Standort von 50 Cent und ACDC? Europa und allen voran Deutschland wird dabei eine Schlüsselrolle zugestanden.

Bei der Literatur sieht es noch schlechter aus als in der Musik. Übersetzungen türkischer Literatur ins Deutsche sind Mangelware, beschränken sich auf wenige international erfolgreiche Autoren. Auch die Menge der in der Türkei tätigen Autoren ist gering. Ratgeber über Gesundheit und Wellness gehören zu den gedruckten Bestsellern, nicht etwa Krimi oder Liebesromane. Die Anzahl der jährliche Veröffentlichungen liegt bei 1 zu 100. Auf ein neues türkisches Buch kommen 100 Bücher im Land der Dichter und Denker. 30.000 Bücher überschwemmen den deutschen Sprachraum jedes Jahr, die türkischen Autoren bieten deutlich weniger. Kein Wunder also, das in der Türkei alles als Übersetzung auf den Markt kommt, was halbwegs Verkaufszahlen verspricht. Unlängst in Berlin getroffen, ein türkischer Intellektueller, der sich erfolgreich an die Übersetzung von Karl May gemacht hat. Dem Spiegel ist dieser türkische Kulturherbst eine Sonderausgabe unter dem Titel „Land im Aufbruch“ wert.

Vorreiter für türkische Literatur in deutscher Sprache ist der Schweizer Unionsverlag, der mit Unterstützung der Robert-Bosch-Stiftung die Türkische Bibliothek aufstellt. Die beiden Erika Glassen und Jens Peter Laut geben diese Sammlung heraus und sind immerhin mit 32 türkischen Autoren auf der Buchmesse vertreten.

Und während die türkische Kultur Deutschland erobert, greift die Deutsche Messe AG nach der Metropole am Bosporus. Gerade ging die CeBIT Bilisim Eurasia 2007 in Istanbul zu Ende. Der türkische Ableger der deutschen Computer-Leitmesse. Nach dem Erfolg mit über 900 Ausstellern dürfte der Ableger zur Dauereinrichtung werden.

Dabei ist vor allem Verständnis und Wissen um Sitten und Gebräuche der jeweils anderen Kultur nicht nur für Touristen spannend, sondern im Geschäftsleben ein Wettbewerbsvorteil. Marktforschungsinstitute und Marketingunternehmen, die auf das so bezeichnete Ethno-Marketing spezialisiert sind helfen weiter. Etwa die Berliner Agentur Data 4U, die seit über 15 Jahren in diesem Segment tätig ist. Nicht nur die Geschäfte über Landesgrenzen, sondern auch die Erschließung ethnischer Zielgruppen in der Bundesrepublik ist ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor. Die Türken der zweiten und dritten Generation sehen Deutschland inzwischen als ihre Heimat an. Ihr Geld senden sie nicht mehr in die Türkei, sondern geben es für den persönlichen Lebensstiel aus. Eine hohe Markentreue weist die Zielgruppe auf. Es ist also von Vorteil die Zielgruppe mit ihren Bedürfnissen anzusprechen und dabei auf die bestehenden kulturellen Unterschiede einzugehen, damit die Geschäftsbeziehungen aufgehen, wie ein großer Sauerteig.

Aus NewsMARK Medien Menschen Marketing #016 vom 13. Oktober 2008 – Das PDF-Magazin erscheint alle 14 Tage und kann kostenlos bestellt werden auf newsmark.de

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