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Experten-Interview – „Wie würden Türken für den Bundestag wählen“

September 21st, 2009 · Keine Kommentare

Am Sonntag, den 27. September 2009 wird der Bundestag gewählt. Die aktuellen Meinungsumfragen sehen gute Chancen für die amtierende Bundeskanzlerin Angela Merkel ihr Amt zu behalten. Wird Deutschland künftig von einer Kollation von CDU/CSU und FDP regiert. Die Berliner Markt- und Meinungsforscherin Umut Karakaş äußert sich in einem Interview mit dem Journalisten Max Werner zu einem möglichen anderen Ausgang der Bundestagswahl. Alles eine Frage der Zielgruppen. Die Geschäftsführerin der Data 4U Gesellschaft für Kommunikationsforschung mbH hat sich auf ethnische Zielgruppen spezialisiert. Erst vor kurzem hat das Institut erstmalig in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland die Sonntagsfrage an die hier lebende türkische Bevölkerung gestellt.   

 

Max Werner: Aktuelle Meinungsumfragen sehen die SPD wenige Wochen vor der Bundestagswahl im Dauertief. Die Partei also völlig chancenlos vor der Wahl im September?

 

Umut Karakaş: Das ist nicht gesagt. Ich habe hier Werte vorliegen, die ein ganz anderes Bild aufzeigen.

 

Max Werner: Also wird Frank-Walter Steinmeier doch zum Bundeskanzler?

 

Umut Karakaş: Nein, das habe ich auch nicht gesagt.

 

Max Werner: Wer soll dann zum Bundeskanzler werden?

 

Umut Karakaş: Nach unseren Befragungen Cem Özdemir, der Bundesvorsitzende der Grünen. Zumindest dann, wenn der Bundeskanzler direkt vom Volk gewählt werden würde. An zweiter Stelle findet sich Frank-Walter Steinmeier noch vor der amtierenden Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie wäre nur dritte Wahl.

 

Max Werner: Das müssen Sie uns jetzt erstmal erläutern.

 

Umut Karakaş: Die Ergebnisse von Meinungsforschung hängen immer von der Zielgruppe ab. Während die meisten Demoskopen ihre Sonntagsfrage den Wahlberichtigen Bundesbürgern stellen, konzentriert sich die Data 4U Gesellschaft für Kommunikationsforschung auf die ethnischen Zielgruppen. Entsprechend hat unser Institut die in Deutschland lebenden Türken befragt. Nach unseren Erkenntnissen wurde auch erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik überhaupt eine repräsentative Wahlforschung in dieser Zielgruppe durch uns durchgeführt. Es gab immer wieder „Kneipenabstimmungen“ unter bis zu 100 Teilnehmern, aber eine telefonische Befragung hat es noch nie gegeben.

 

Max Werner: Aber die Ergebnisse weisen schon erhebliche Unterschiede zum Bundestrend auf?

 

Umut Karakaş: Ja, es gab schon einige Überraschungen, dennoch hat uns das Gesamtergebnis nicht besonders verwundert, eigentlich haben wir es erwartet. Vieles lässt sich auch eindeutig erklären.

 

Max Werner: Die Schwäche der CDU in der Zielgruppe etwa?

 

Umut Karakaş: Auch die. Wahlergebnisse spiegeln doch die Stimmungen und Prioritäten der angesprochenen Zielgruppe wieder. Die Folgen der globalen Finanzkrise sind derzeit ein Thema, das auch die Bundestagswahlen beeinflussen wird. Was Wirtschaftsthemen angeht, hat die Bevölkerung schon immer ein großes Vertrauen in die Unionsparteien gehabt, die SPD steht eigentlich  mehr für soziale Aspekte. Bei den in Deutschland lebenden türkischstämmigen Bürgern spielen aber auch noch andere Themen eine herausragende Rolle, etwa der seit Jahren verzögerte Beitritt der Türkei zur Europäischen Gemeinschaft. Wahlergebnisse werden also auch vom Agenda-Setting in den entsprechenden Zielgruppen bestimmt.

 

Max Werner: Aber um die Türken braucht sich doch die CDU nicht kümmern, die sind doch eh zumeist nicht wahlberechtigt?

 

Umut Karakaş: Das scheint auf den ersten Blick eine logische Konsequenz zu sein. Ist aber kurzfristig gedacht. Zum einen dürfen ein Teil der durch die Data 4U befragten Personen auch wählen und zweitens gibt es das große Thema Integration.

 

Max Werner: Ist Integration den überhaupt noch ein Thema?

 

Umut Karakaş: Vielleicht hat die Finanzkrise es momentan auf die hinteren Plätze verbannt. Aber im Endeffekt ist Integration eines der ganz großen Themen, nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa. Es gibt Flüchtlingsströme, die fortwährend in das Gebiet der Gemeinschaft drängen oder die Schwierigkeiten, die durch die Osterweiterung entstanden sind. Es darf auch nicht vergessen werden, das Europa selber aus vielen verschiedenen Kulturen besteht.

Die Türken, die vielleicht ursprünglich als Gastarbeiter gekommen sind, fanden in Deutschland ihr neues zu Hause, leben in der zweiten und dritten Generation hier, das Land ist ihre Heimat, aber die Heimatgefühle sollen ihnen verwährt werden. Es bewegt sich doch etwas, jetzt wurde erkannt, das Deutschland ein Einwanderungsland ist. Endlich, weil es doch schon immer von Einwanderung gelebt hat. Ein gutes Beispiel sind doch die Hugenotten, die nach Preußen kamen. Deutschland hat immer durch die Einflüsse verschiedener Kulturen profitiert. Das ist bis heute so. Die türkische Bevölkerung stellt einen enormen Wirtschaftsfaktor da. Gerade im Mittelstand gibt es viele Selbständige, und damit meine ich nicht nur Familienbetriebe in der Fast Food Gastronomie. In allen Bereichen finden sich gut ausgebildete türkischstämmige Bürger, die eine hohe unternehmerische Verantwortung tragen. Und was das Konsumverhalten angeht, die Markenaffinität ist um einiges höher als bei den Deutschen und das Geld geben sie für ihr Leben aus. Die Zeiten als Geld nur in die Türkei transferiert wurde ist zumindest seit der zweiten Generation vorbei.

 

Max Werner: Aber welche Themen beschäftigen die Türken nun bezüglich ihres Wahlverhaltens?

 

Umut Karakaş: Europa ist eines der großen Themen. Die Türkei bemüht sich seit Jahren intensiv darum in die Europäische Gemeinschaft aufgenommen zu werden, aber ihr werden immer neue Hürden in den Weg gestellt. Natürlich beeinflusst dies die Wahlentscheidung. Es ist ein sehr wichtiges Thema. Die Grünen haben Sympathien gewonnen, erstmals hat eine Bundestagspartei mit Cem Özdemir einen türkischstämmigen Vorsitzenden. Die Partei steht, genauso wie die SPD, für den Beitritt zu Europa. Die CDU dagegen möchte die Türkei am liebsten nicht in der Gemeinschaft sehen, die Hinhalte-Taktik wird vor allem der Union zugesprochen. Es gibt massive Ängste vor einem Betritt der Türkei, scheinbar fürchtet man eine Islamisierung von Deutschland.

 

Max Werner: Sind diese Ängste nicht verständlich?

 

Umut Karakaş: Angst entsteht doch zumeist aus Unwissenheit. Damit sind wir doch zurück bei der Integrationsfrage. Die Anstrengungen der Bundesrepublik den hier lebenden Türken eine Heimat zu sein, waren in der Vergangenheit nicht wirklich von Erfolg gekrönt. Viele der fast drei Millionen hier lebenden Türken kommen, wenn sie wollen, ohne ein Wort Deutsch aus. Es gibt türkische Läden, Ärzte, Medien. Das Satelliten-Fernsehen hat die Situation eher verschärft. ARD und ZDF spielen in vielen türkischen Haushalten heute keine Rolle mehr. Eigentlich dürften wir von der Data 4U uns hier nicht beschweren. Leben wir doch ein Stückweit davon, dass es diese Parallelgesellschaft gibt, erforschen regelmäßig auch die Einschaltquoten der türkischen TV-Sender in Deutschland. Wünschen würde ich mir aber schon, das man bei den Öffentlich-Rechtlichen Sendern endlich erkennt, das es auch zu ihrer Aufgabe gehört für eine Bevölkerungsgruppe von drei Millionen Mitbürgern mit Migrationshintergrund ein adäquates Programm zu senden und nicht nur für die Bio-Deutschen. Ich mag diese Begriffe eigentlich nicht.  

 

Max Werner: Bio-Deutsch und Migrationshintergrund?

 

Umut Karakaş: Ja, solche Abgrenzungen verschärfen meiner Meinung nach nur den Konflikt. Es gibt doch genug Menschen, die auf dem Papier Deutsche sind, aber von weiten Teilen der Bevölkerung nicht als solche wahrgenommen werden. Jetzt haben sie einen Migrationshintergrund. Ich spreche doch nicht bei einem Schweden oder Franzosen der hier lebt von einem Ausländer mit Migrationshintergrund, es sind einfach Europäer. Und ein Deutscher mit schwarzen Harren und brauen Augen wird als Türke bezeichnet, nur weil seine Eltern aus der Türkei stammen? Integration ist ein furchtbarer Begriff, eigentlich geht es um Neugierde, Toleranz und Respekt. In Europa gibt es so viele Kulturen und die Türken sind das Problem? Europa scheint einfach Angst vor dem Islam zu haben. In Istanbul oder Ankara wären die hier lebenden Türken in den meisten Fällen auch fremd, werden als Deutschländer bezeichnet. Viele von denen, vor allem aus der dritten Generation, können doch kein richtiges Türkisch mehr. Und die Gemeinschaften, die sich hier der Bundesrepublik scheinbar gebildet haben, sie sind in erster Linie der gemeinsamen Herkunft geschuldet. In der Türkei würden viele von denen doch nicht einmal miteinander reden. Aber das geht den Deutschen auf Mallorca oder den deutschstämmigen Amerikanern in Texas auch nicht anders.  

 

Max Werner: Und was können sie uns raten?

 

Umut Karakaş: Deutschland ist ein Einwanderungsland. Wir sollten uns weltoffen zeigen. Wenn Touristen durch Berlin irren, weil die S-Bahnen nicht fahren, Informationen dazu nicht wirklich auffindbar sind, nicht einmal auf Deutsch und schon gar nicht auf Englisch oder einer weiteren Sprache, dann ist das ein Armutszeugnis. Da wird zwei Wochen lang diskutiert und Besserung versprochen, anstatt einfach einige Seiten durch den Fotokopierer zu jagen. Und mit der Integration ist es doch nicht viel anders. Es wird drüber geredet, in der Hoffnung das Problem damit zu erledigen, aber es wird zu wenig gehandelt. Der Islam ist eine der fünf großen Weltreligion, da gibt es Facetten. Mit dem Christentum ist es doch nicht anders. Das beste Beispiel ist doch Evangelisch und Katholisch. Die Religionskonflikte in Nord-Irland sind ein gutes Beispiel dafür. Religionen haben immer Facetten, das ist im Islam so, aber auch bei den Christen und selbst bei den Juden. Der Ursprung ist aber identisch. Die Türkei ist ein moderner Staat, hier sind Staat und Religion strikt getrennt, vielleicht klarer als in einigen Teilen Deutschlands. Das Potential ist riesig, dass die Integration bietet, nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht, nur muss man bereit sein, es zu nutzen. Wichtig ist es aber, sich mit der Zielgruppe, hier den Türken in Deutschland einzulassen und ein Wissen über sie zu haben, um sie zu verstehen und die richtige Ansprache zu finden. Marktforschung bietet sich da an, womit wir wieder bei der Data 4U sind, wir können hier tatsächlich behilflich sein.

 

Max Werner: Und wo werden Sie bei den Wahlen nun das Kreuz setzen?

 

Umut Karakaş: Wenn sie mich so fragen, dann bei Horst Schlämmer. Er hat die ehrlichsten Wahlversprechen. Nur darf ich ihn leider nur im Kino wählen, so wie die vielen Türken hier in Deutschland halt nur zuschauen dürfen bei der Bundestagswahl. Ich glaube es war gut, dass wir als Data 4U hier die Sonntagsfrage gestellt haben. Es wird halt Zeit, die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei zu einem positiven Ende zu bringen, dann dürfen sie zumindest auf kommunaler Ebene mitbestimmen, so wie jeder andere Europäer auch.

Max Werner: Frau Karakaş, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Hintergrundinformationen zum Interview:

Bei einer Direktwahl des Bundeskanzlers würde der türkischstämmige Grünen-Chef Cem Özdemir mit 25,1% als Sieger in das Berliner Kanzleramt einziehen. Der SPD-Spitzenkandidat und jetzige Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier bekäme 20,2%. Amtsinhaberin und CDU-Vorsitzende Angela Merkel wäre abgeschlagen auf dem dritten Platz und würde gerade 7,5% der Stimmen auf sich vereinen.

Erstmals hat das Berliner Meinungsforschungsinstitut Data 4U Gesellschaft für Kommunikationsforschung mbH das Wahlverhalten der türkischen Bevölkerung in einer bundesweiten repräsentativen Studie ermittelt. Die Erhebung fand im Frühjahr 2009 statt.

Demnach wäre die SPD mit einer absoluten Mehrheit von 55,5% der Stimmen stärkste Partei, die Grünen wären mit 23,3% ebenfalls äußerst stark. Die beiden Unionsparteien CDU/CSU erhielten lediglich 10,1% der Stimmen, die Linke bekäme 9,4%. Abgeschlagen zeigt sich die FDP, die mit lediglich 0,9% an der 5%-Hürde scheitern würde und damit nicht in das Parlament einziehen dürfte.

Umut Karakaş, geschäftsführende Gesellschafterin der Data 4U erklärt die Ergebnisse in einem Interview: „Bei den in Deutschland lebenden türkischstämmigen Bürgern spielen noch andere Themen, als die Wirtschaft und Arbeit, eine herausragende Rolle, etwa der seit Jahren verzögerte Beitritt der Türkei zur Europäischen Gemeinschaft. Wahlergebnisse werden also auch vom Agenda-Setting in den entsprechenden Zielgruppen bestimmt.“

Zum Thema Integration befragt erklärt die Deutsch-Türkin: „Im Endeffekt ist Integration eines der ganz großen Themen, nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa. Es darf auch nicht vergessen werden, das Europa selber aus vielen verschiedenen Kulturen besteht. Die Türken, die vielleicht ursprünglich als Gastarbeiter gekommen sind, fanden in Deutschland ihr neues zu Hause, leben in der zweiten und dritten Generation hier, das Land ist ihre Heimat, aber die Heimatgefühle sollen ihnen verwährt werden.“

 Die berüchtigte Frage „Wen würden sie wählen, wenn am Sonntag Bundestagswahl wäre“ wurde dabei an 2.999 Deutsch-Türken ab 18 Jahre gestellt, 896 von ihnen nehmen als Bundesbürger an der Wahl am 27. September 2009 teil.

Umut Karakaş ist Expertin für Marketing, sowie Markt- und Meinungsforschung, spezialisiert auf ethnische Zielgruppen. Als geschäftsführende Gesellschafterin der DATA 4U – Gesellschaft für Kommunikationsforschung mbH in Berlin kennt sie die Branche. Seit fast 20 Jahren erforscht das Institut die Türken in Deutschland aber auch andere Zielgruppen wie Polen, Russen oder die Bürger der Balkan-Staaten. Mehr Informationen unter http://www.data4u-online.de/.    

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